Der Sommer verabschiedet sich langsam, die Open-Air-Festivalsaison geht zu Ende, und für viele aus der schwarzen Subkultur gehört das NCN Festival in Deutzen inzwischen fest zum Abschluss.
Mitten im Kulturpark Deutzen verteilen sich die Bühnen zwischen Wald und Park. An jeder Ecke klingt etwas anderes: EBM, Industrial, Wave, Post Punk und vieles mehr. Eigentlich müssten wir uns teilen können, denn bei diesem Programm ist klar: Wir können unmöglich alles sehen. Viele tolle Bands wie Hundres, Schöngeist, Paganland, Frequenz-C & TC75 ... haben wir deshalb leider verpasst – nicht weil sie weniger interessant gewesen wären, sondern einfach weil gleichzeitig auf einer anderen Bühne wieder etwas Spannendes lief.
Donnerstag – Warm-Up und endlich wieder Festivalmodus
Mit geballter Kraft eröffnete die Augsburger Formation Bagger 258 die diesjährige NCN Warm-Up-Party. Sänger Nico trat dabei doch glatt im eleganten schwarzen Anzug auf. Harte deutsche EBM-Musik mit höflichem Dresscode? Der Sound aus schweren Bässen und kräftigen Beats sorgte jedenfalls von Anfang an für großartige Stimmung vor der Bühne. Seriös war das am Ende zum Glück auf keinen Fall!
Nahtlos übernahm im Anschluss das Duo MRDTC das Zepter. MRDTC ist eine Abkürzung für die Namen ihrer Projekte: MRD steht für Mr. Dupont (Chris), TC für Tino Claus. Schon nach wenigen Songs merkten wir: Die beiden hatten sichtlich Spaß auf der Bühne und steckten das Publikum mit ihrer Energie sofort an.
Doch dann wurde es richtig spannend: Zum ersten Mal fiel das Wort „JA" auf der Bühne – Chris und Tino machen ein zweites Album! Wir können uns also auch weiterhin auf harten EBM-Sound freuen.
Die nächste Band ist auf dem NCN längst kein Neuling mehr: Prager Handgriff. Bereits 2014 und 2023 gehörten sie zum elektronischen Line-up – und nun folgte ihr Auftritt am Warm-Up-Tag. Deutschsprachiger, hochgradig tanzbarer EBM mit gesellschaftskritischen Texten: Genau dafür ist das Duo bekannt.
Wem bis dahin noch nicht warm genug war, dem wurde beim brachialen Finale mit Tyske Ludder geholfen. Ein druckvoller, energiegeladener Sound traf auf militärisch angehauchte, deutsche Texte, die Sänger Claus Albers mit gewaltiger Stimme auf die Menge losließ. Kalt war danach wirklich niemandem mehr!
Genau wegen dieser vier fantastischen EBM-Bands sind wir vom NAR Radio zur Warm-Up-Party gereist.
„Unser EBM-Herz schlug voll im Takt – und blieb bis zum letzten Beat im Rhythmus."
Freitag – jetzt aber wirklich
Morgens war es noch ruhig. Während die Gäste der Warm-Up-Party langsam wach wurden, bauten die nächsten Besucher bereits ihre Zelte auf.
Um Punkt 15:30 Uhr fiel dann der offizielle Festivalstart – bei Sonne und bestem Wetter. Wir dachten nur: Na, das kann ja was werden!
Den Auftakt auf der Waldbühne machte Extize aus Frankreich. Mit Industrial-Beats, DJ und Tänzern war sofort klar: Hier wird heute laut getanzt. Deutlich leichter ging es danach mit Vanguard aus Schweden weiter – ihr Synthpop mit 80er-Flair und echtem Club-Sound machte einfach richtig Spaß. Anschließend brachten Jesus on Extasy eine Dosis Rock auf die Bühne, bevor Melotron bei vielen von uns die persönliche Zeitmaschine anwarf: 90er-Vibes, Synthpop und natürlich ihr Klassiker „Brüder".
Zurück an der Waldbühne warteten Pankow aus Italien, die schon seit den 80er-Jahren aktiv und echte Pioniere der italienischen Elektronikszene sind. Genau diese besondere Mischung aus Industrial und Elektronik macht für uns den typischen NCN-Sound aus.
Als der Himmel immer dunkler wurde, lieferte das die perfekte Kulisse für Elinborg von den Färöer-Inseln. Ihre Mischung aus Folk, Country und Elektronik passte hervorragend zur besonderen Atmosphäre der Amphi-Bühne – ruhig, intensiv und fast schon mystisch. So etwas haben wir auf Festivals bisher selten erlebt.
Im Anschluss betraten L'Âme Immortelle die Bühne. Auch nach fast 30 Jahren Bandgeschichte lassen sie sich in keine Schublade stecken: Rock, Elektronik, Melancholie – und dazu natürlich die besonderen Stimmen von Sonja Kraushofer und Thomas Rainer.
Doch schließlich forderte auch Petrus seinen Auftritt ein – und das nicht mit einem harmlosen Schauer, sondern mit voller Wucht: Starkregen und Wind. Für uns endete der Freitagabend dadurch leider vorzeitig, sodass wir Girls Under Glass verpasst haben.
Aber gut – Festival heißt manchmal auch: nasse Schuhe und die Technik ins Trockene retten!
Samstag – elektronische Vielfalt und besonderer 80er-Flair
Nach einer feuchten Nacht kam tatsächlich wieder die Sonne heraus. Morgens war es zwar noch etwas frisch, aber spätestens nach dem ersten Kaffee starteten wir wieder bereit in den Tag.
Den Auftakt auf der Waldbühne machten Ton:Fehler, die kurzfristig für Aktion Fiasko eingesprungen waren. Mit im Gepäck hatten sie ihr frisch veröffentlichtes Debütalbum „Der Charme des Stumpfen". Das Duo meisterte die Spontanaufgabe mit ordentlicher Spielfreude und überzeugte durch sympathischen deutschen Elektro, tanzbare Rhythmen und jede Menge gute Laune. Beim Remix von „Erklärer" gab es sogar noch einen gelungenen Gastauftritt von Franzi Berlina.
Schnell zeigte sich: Ersatz hin oder her, die Stimmung passte einfach.
Dann wurde es deutlich härter: Ambassador 21 aus Belarus brachten Industrial und Electro mit technoiden Einflüssen auf die Amphi-Bühne.
Vor allem Sängerin Natasha fegte wie ein Sturm über die Bühne.
Und dann hieß es: EBM!
Wir besuchten AD:key und Container 90 – Old-School-EBM mit wuchtigen Beats, Hämmern, Shouts und pausenloser Bewegung auf und vor den Bühnen.
Stillstehen war hier schlicht unmöglich!
Menticide legte später noch eine ordentliche Schippe Energie und musikalischen Wahnsinn oben drauf.
Am Abend wurde es bei uns ruhiger und spürbar melancholischer. The Beauty of Gemina überzeugten uns mit ihrer Mischung aus Alternative Rock und Dark Wave, gefolgt von Samsas Traum, die uns mit Dark Rock und ihren typisch düsteren, teils wahnwitzigen Textwelten fesselten.
Eine echte Entdeckung waren für uns Actors aus Kanada: Ihr Sound aus Post-Punk, New Wave und einem Hauch 80er-Jahre macht definitiv Lust auf mehr – die Band werden wir uns zu Hause garantiert noch einmal genauer anhören!
Danach feierte die Zeitmaschine ihren absoluten Höhepunkt: Nik Kershaw brachte 80er-Nostalgie pur auf die Bühne. Strahlende Gesichter und Erinnerungen, wohin wir auch blickten – wir konnten förmlich sehen, wie bei vielen vor der Bühne die eigene Jugend vorbeizog.
Und wenn unsere Füße schließlich gar nicht mehr wollten, bot das Festival uns den perfekten Zufluchtsort: Die Lesung von Markus Heitz war ein wunderbar entspannter Kontrast zum musikalischen Programm.
Sonntag – der letzte Tag und die Erkenntnis, wie schnell vier Tage vergehen
Um 12:00 Uhr hieß es an der Waldbühne: Aufstehen! Beyond Border lieferten Synthpop und tanzbare Sounds – genau das Richtige für alle, die noch nicht ganz wussten, welcher Tag eigentlich gerade war. Auf der Amphi-Bühne sorgten zeitgleich Grundeis für feinen Wave- und Gitarrensound.
Auch Lesungen gehörten heute wieder fest dazu: D. Bernemann stellte sein neues Buch vor – und wer seine Werke kennt, weiß, dass es dort alles andere als gewöhnlich zugeht. Aber genau das macht eben so viel Spaß! Ebenso sorgte Christian von Aster mit „Lukas, der launischen Liebesbrieftaube" für jede Menge Humor und Skurrilität.
Musikalisch ging es mit Mildreda aus Belgien und ihrem Dark Electronic weiter, bevor Sturm Café aus dem hohen Norden Schwedens mit Power-EBM noch einmal richtig Leben auf die Waldbühne brachten.
Aber irgendwann merkten wir: Jetzt geht es wirklich dem Ende entgegen.
Peter Heppner schenkte uns mit seinem musikalischen Rückblick unzählige Erinnerungen, während erste Besucher bereits ihre Sachen packten.
Dann verabschiedete Diary of Dreams die Waldbühne mit Dark Rock und Alternative Rock, passend zur einsetzenden Abenddämmerung und dem besonderen Flair der Bühne.
Den krönenden Abschluss bildete das große Finale mit Die Krupps: Electro, Rock, Industrial, Amboss und pure Energie! Sie hauten noch einmal alles raus, bevor der allerletzte Ton des Festivals verklang.
Und dann stehen wir da. Vier Tage sind vorbei. Vier Tage vollgepackt mit Musik, Tanz, guten Gesprächen, alten Bekannten, Freunden, neuen Entdeckungen, Sonne, Regen und unzähligen Momenten, die wir sicher noch eine ganze Weile in unseren Alltag mitnehmen werden.
Denn genau das ist für uns das NCN: Es sind nicht nur die Bands auf den Bühnen. Es ist dieser besondere Ort, dieses einmalige Gelände, die Menschen und dieses unbeschreibliche Gefühl, dass sich einmal im Jahr eine ganz besondere schwarze Subkultur-Familie in Deutzen zusammenfindet. Wir kennen uns, wir treffen uns wieder, entdecken gemeinsam neue Musik – und gehören für ein paar Tage einfach bedingungslos dazu.
Deshalb: Danke, NCN! Ein riesiges Dankeschön an alle, die dieses Festival jedes Jahr mit so viel Herzblut auf die Beine stellen – an die Künstler, die Helfer und natürlich an alle, die mit uns gefeiert haben.
Das NCN 2026 war wieder einmal etwas ganz Besonderes.
Und deshalb sagen wir einfach: Bis 2027. Wir sehen uns in Deutzen!
Text & Foto: Sandra Cassens & Jennifer Busch-Cassens
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